Mehr mündliche Prüfungen im Physikunterricht!

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Während mündliche Prüfungen in sprachlichen Fächern ganz selbstverständlich dazugehören, fristen sie in den naturwissenschaftlichen Fächern bisher leider ein Schattendasein. Ich finde das schade – aus meiner Sicht bieten sie eine wunderbare Möglichkeit, die Prüfungskultur in der Physik zu bereichern und zeitgemässer zu gestalten.

Das Hauptargument gegen mündliche Prüfungen ist ihre mangelnde Objektivität (z.B. Girwitz (2015), Physikdidaktik 3. Auflage, Springer). Gleichzeitig gibt es zahlreiche Studien, die zeigen, dass auch bei schriftlichen Prüfungen Objektivität nicht unbedingt gewährleistet ist und dass bestimmte Vorinformationen über den ‚Prüfling‘ die Note signifikant beeinflussen können. Eine Forscherin der ETHZ zeigte beispielsweise, dass Lehrpersonen mit weniger als 10 Jahren Unterrichtserfahrung die gleiche Prüfung im Durchschnitt um 0.7 Noten schlechter bewerteten, wenn sie von einer Schülerin statt einem Schüler geschrieben wurde. Da Bewertungen in der Schule geprägt sind durch Wahrnehmung einer Leistung durch eine andere Person, wird das Kriterium der Objektivität immer problematisch sein, nicht nur bei mündlichen Prüfungen. Mangelnde Objektivität ist daher Teil des Systems Schule und sollte nicht selektiv einem bestimmten Prüfungsformat vorgeworfen werden.

Abschlussprüfungen (Matur/Abitur-Prüfungen) werden hingegen zumindest teilweise als mündliche Prüfungen abgehalten. Offenbar traut man dieser Prüfungsform hier zu, eine aussagekräftige Bewertung zu produzieren. Wenn das für Abschlussprüfungen funktioniert, sollte es doch auch im Regelunterricht in Ordnung sein. Gleichzeitig können die Schüler:innen dann in Situationen, in denen weniger auf dem Spiel steht, Erfahrung mit diesem Prüfungsformat sammeln und Routine aufbauen, so dass die Angst vor mündlichen Abschlussprüfungen nicht mehr grösser ist als vor schriftlichen.

Aus meiner Sicht sollten mündliche Prüfungen unbedingt Teil der Prüfungspraxis sein, denn sie können Dinge, die schriftliche Prüfungen nicht können. Schriftliche Prüfungen lassen es zu, dass alle Schüler:innen die gleichen Aufgaben in ihrem eigenen Tempo und in ihrer eigenen Reihenfolge bearbeiten. Sie sind daher ein geeignetes Format für komplexe, formale Aufgaben zu Wissen und Skills, über die alle Schüler:innen verfügen sollen. Mündliche Prüfungen hingegen erlauben einen sehr individuellen Verlauf – jede Prüfung ist anders. Das bedeutet, dass die Lehrperson durch gezieltes Nachfragen herausfinden kann, wie tief das Verständnis tatsächlich geht. Weil sowieso nicht alle Prüfungen gleich sind, können Schüler:innen aber auch durch die (teilweise) Wahl der Prüfungsinhalte ihre Prüfung entsprechend ihrer Interessen mitgestalten. Mündliche Prüfungen haben Differenzierung und Individualisierung daher schon automatisch eingebaut. Darüber hinaus bieten sie die Gelegenheit, nicht nur Wissen abzufragen sondern zu beobachten, welche Gedanken die Schüler:innen mit gezielten Impulsen entwickeln können und tragen so einer Unterrichtspraxis Rechnung, die Wert auf Mündlichkeit legt.

Während sich in der fachdidaktischen Literatur zahlreiche und umfangreiche Handreichungen zur Planung und Korrektur von schriftlichen Prüfungen finden, werden Lehrpersonen im Hinblick auf mündliche Prüfungen bedauerlicherweise recht alleine gelassen. In der neuen Auflage des Standardwerks ‚Physikdidaktik’ (Griwitz, 2020) werden mündliche Prüfungen gar nicht erwähnt. In der Ausgabe zu ‚Leistungen transparent bewerten‘ der Zeitschrift Unterricht Physik findet sich zwar ein Artikel zu mündlichen Prüfungen, ihr Anwendungsbereich ist dort allerdings auf Schulabschlussprüfungen, Nachprüfungen oder Abfragen zu Beginn von Lektionen beschränkt. Auf der einen Seite hängen naturwissenschaftliche Lehrpersonen noch mehr als Lehrpersonen aus anderen Fachbereichen dem Ideal der Objektivität für eine faire Leistungsüberprüfung nach, auf der anderen Seite fehlen Richtlinien, Ideen und Beispiele zur Durchführung von mündlichen Physik-Prüfungen.

Mit dieser Unsicherheit sah ich mich auch konfrontiert, als ich zum erstem Mal mündliche Maturaprüfungen durchführen musste: Wenn nicht alle Schüler:innen auf die gleichen Fragen antworten, wie stelle ich dann sicher, dass die Prüfung fair ist? Eine mögliche Antwort ist die zufällige Zuteilung von Prüfungsfragen, beispielsweise indem die Schüler:innen jeweils einen Umschlag ziehen. Dieses Vorgehen soll vermeiden, dass die Lehrperson die Schwierigkeit der Fragen entsprechend persönlicher Sympathien oder anderer Kriterien zuteilt. In meinen Augen sorgt dieses Vorgehen für eine Pseudo-Fairness: aus jeder gezogenen Anfangsfrage kann ich durch Hilfestellungen, Nachbohren etc. eine schwierigere oder einfachere Prüfung machen. Die Fairness von mündlichen Prüfungen (wie bei jedem anderen Prüfungsformat auch) muss sichergestellt werden, indem die Lehrperson alles daran setzt, eine faire Prüfung durchzuführen – und nicht durch das Einhalten von generischen Testkriterien und Abläufen.

Um eine möglichst faire Leistungsbewertung zu ermöglichen, versuche ich bei allen Prüfungsformaten sicherzustellen, dass a) Inhalte, Form, grundsätzliche Kriterien, Zeitpunkt den Schüler:innen bekannt sind, b) tatsächlich geprüft wird, was vorher auch im Unterricht besprochen wurde und c) ich mir als Lehrperson mögliche Urteilsfehler bewusst mache und meine Urteile immer wieder überdenke. So versuche ich die verschiedenen Herausforderungen bezüglich Fairness anzugehen, die jedes Prüfungsformat mit sich bringt: bei Projektarbeiten muss die Lehrperson überlegen, wie sie sicherstellt, das tatsächlich die Leistung der/des Schüler:in beurteilt wird (und nicht die der Kollegin oder von ChatGPT). Bei schriftlichen Prüfungen sie muss ohne Möglichkeit zur Nachfrage bewerten, was geschrieben steht – auch wenn die Antwort nicht eindeutig ist. Bei mündlichen Prüfungen muss sie damit umgehen, dass nicht alle Fragen genau gleich schwierig sind....

Mit folgenden drei Formaten habe ich gute Erfahrung bei mündlichen Prüfungen gesammelt:

  1. Nach einer gemeinsamen Unterrichtssequenz zu den Grundlagen eines Themas (Elektrizität, Kreisbewegung) haben die Schüler:innen eine Reihe von ‚Vertiefungsthemen‘ zur Auswahl. Entweder werden die Vertiefungsthemen gemeinsam behandelt und die Auswahl erfolgt für die Prüfung, oder die Schüler:innen entscheiden bereits individuell, welche Vertiefungsthemen sie bearbeiten. Ich biete jeweils ca. sieben Vertiefungsthemen an, jede:r wählt davon vier aus und aus dieser Auswahl prüfe ich zwei Themen. Diese Kombination bietet für mich genügend Kombinationsmöglichkeiten von Themen und Fragen, so dass für alle Schüler:innen möglichst schwer vorhersehbar ist, wozu sie geprüft werden.
  2. Die Schüler:innen arbeiten in Gruppen projektartig an einer selbst gewählten experimentellen Fragestellung. In der mündlichen Prüfung geht es um ihr Projekt. Dabei kann die mündliche Prüfung auch eine (individuelle) Teilnote der Projektnote sein. Als Einstiegsfrage lasse ich zu Beginn der Prüfung jeweils ein Kärtchen ziehen. Ausgehend von der Antwort stelle ich dann weitere Fragen. Folgende Einstiegsfragen habe ich verwendet: Was war die grundlegende Idee Eures Projekts, formuliert für eine aussenstehende Person? Was waren die wichtigsten Erkenntnisse Eures Projekts? Welche grundlegenden physikalischen Konzepte haben in Eurem Projekt eine Rolle gespielt? Was ist in Euren Diagrammen abgebildet? Wie könntet Ihr Eure Experimente verbessern? Was war die grösste Herausforderung, die ihr im Zusammenhang mit Euren Experimenten hattet?
  3. Im Schwerpunktfach lesen die Schüler:innen im letzten Schuljahr individuell ein Buch. Das Buch kann zu jedem physikalischen Thema sein und muss mindestens am oberen Ende von populärwissenschaftlich sein. Ich gebe eine Liste mit möglichen Büchern ab. Falls Schüler:innen bestimmte Interessen oder bereits konkrete eigene Buchvorschläge haben, schauen wir gemeinsam, was möglich ist. Im ersten Semester führe ich eine Prüfung über den ersten Teil des Buchs durch, die mündliche Maturaprüfung geht dann über das gesamte Buch. Für die Vorbereitungszeit vor der Maturaprüfung gebe ich den Schüler:innen einen Auszug aus dem Buch (ca. ein Absatz) mit zwei bis drei Fragen. Während die Bücher einen bestimmten Aspekt der Physik zum Thema haben, prüfe ich sie jeweils im Kontext des gesamten Unterrichtsstoffs und frage immer wieder nach grossen Zusammenhängen. Hier eine Liste mit möglichen Bücher, die ich in der Vergangenheit ausgegeben habe:

Im Laufe der vergangenen Jahre habe ich meine Prüfungspraxis immer wieder überdacht und angepasst. Auf dieser Seite habe ich ein paar Punkte zusammengetragen, die sich aus meinen Erfahrungen ergeben haben. Mündliche Prüfungen waren bisher in jeder Klasse ein Highlight des Schuljahrs: Bereits im Vorfeld suchten mehr Schüler:innen miteinander und mit mir das Gespräch – mit dem Ziel, ein vertieftes Verständnis des Themas zu erlangen. Jedes Mal kam als generelle Rückmeldung, dass die Prüfung viel weniger schlimm war als befürchtet. Und immer wieder gab es Schüler:innen, die im Prüfungsgespäch über sich hinauswuchsen und eine neue Physik-Seite von sich zeigen konnte.

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