Sollen wir noch 'kritisches Denken' unterrichten?
Fragt man nach dem Beitrag des Physikunterrichts zu den überfachlichen Kompetenzen, dann steht ‚kritisches Denken‘ ganz oben auf der Liste. Im Bild, das wir vom Physikunterricht haben, geht es um mehr als Auswendiglernen und Reproduzieren: Schüler:innen analysieren Daten, beurteilen Ergebnisse und hinterfragen Aussagen. So sollen sie dazu befähigt werden, wissenschaftliche Informationen auch nach der Schulzeit – im 'echten Leben' – kritisch zu bewerten und fundierte Entscheidungen auf Basis von Daten und logischer Argumentation zu treffen. Dem Physikunterricht wird bescheinigt, so zur allgemeinen Mündigkeit in einer komplexen, datengetriebenen Welt beizutragen. Aber was, wenn dieser Anspruch nicht eingelöst werden kann? Wenn es in der heutigen Welt etwas anderes braucht?
Durch das weit verbreitete 4K-Modell wurde ‚kritisches Denken‘ zu einer zukunftsgerichteten Kompetenz in aller Munde. Während die anderen 3K Kreativität, Kooperation und Kommunikation im Physikunterricht eine eher untergeordnete Rolle spielen, scheint das ‚kritische Denken‘ hier ganz automatisch gefördert zu werden. Gleichzeitig ist der Begriff 'kritisches Denken' vage und unscharf. Niemand möchte, dass die Schüler:innen nicht kritisch denken lernen. Was genau 'kritisches Denken' bedeutet, ist allerdings nicht so klar – insbesondere weil es den Anspruch hat, über den Unterricht hinaus wirksam zu sein. Die Auswertung eines s-t-Diagramms wird die Schüler:innen wohl kaum automatisch darauf vorbereiten, später gute Entscheidungen im Hinblick auf naturwissenschaftlich angereicherte Fragen wie Infektionsraten in einer Pandemie zu treffen. Dieser automatische Transfer vom kritischem Denken aus einer hoch strukturierten und vereinfachten Schulwelt in das 'echte Leben' wäre nur möglich, wenn die Schüler:innen durch den Unterricht eine 'intellektuellen Unabhängigkeit' erlangen, die ihnen erlaubt, selbstständig mit unterschiedlichsten wissenschaftlichen Informationen umzugehen und aus wissenschaftlichen Daten selbstständig valide Schlüsse zu ziehen. Eine solche 'intellektuelle Unabhängigkeit' ist allerdings für niemanden erreichbar: selbst als ausgebildete Physikerin kann ich bei den wenigsten physikalischen Forschungsergebnissen entscheiden, ob experimentelle Mängel vorliegen, Daten unseriös ausgewählt oder Fehler in der Analyse gemacht wurden. Bei der Bewertung dieser komplexer wissenschaftlicher Informationen muss ich mich auf das Urteil von Expert:innen aus dem entsprechenden Forschungsgebiet verlassen. Nur in entsprechend konstruierten Situationen (wie im Schulunterricht) können wir intellektuell unabhängig sein und das antrainierte 'kritische Denken' anwenden. Im Normalfall ist die allgemeine Öffentlichkeit – der wir in allen Fragen ausserhalb unsere eigenen Expertise angehören – abhängig vom Wissen und der Einschätzug anderer.
Jugendliche sollen ohne Zweifel in der Schule lernen, sich mit Aussagen auseinanderzusetzen, Behauptungen zu prüfen, eigene Schlüsse zu ziehen und Urteile zu fällen. Die Idealvorstellung vom 'kritischen Denken', wie sie in den Lehrplänen als Basis von intellektueller Unabhängigkeit hochgehalten wird, scheint mir dazu allerdings nicht geeignet. Auf der Suche nach Alternativen zum 'kritischen Denken' bin ich auf eine Denkrichtung in der Bildungsforschung und Naturwissenschaftsdidaktik gestossen, die den Aufbau von 'intellektuellem Vertrauen' ins Zentrum stellt. In seinem Buch Why we teach science, and why we should (2023) weist der Bildungsforscher John L. Rudoph darauf hin, dass sich Menschen im Allgemeinen beim Treffen von Entscheidungen mehr auf andere Menschen in ihrem Umfeld und bewährte Quellen verlassen als auf die wissenschaftlichen Inhalte, die sie in der Schule gelernt haben. Welche Entscheidung getroffen wird, hängt also zum grossen Teil davon ab, welchen Personen und welchen Quellen vertraut wird. Im Hinblick auf wissenschaftsbezogene Fragen sind wir auf das Wissen von Expert:innen angewiesen – das heisst, wir müssen ihnen vertrauen. (Natürlich können auch die Expert:innen Fehler machen, auf Täuschungen reinfallen oder gar in böser Absicht handeln – in Grundvertrauen in die Integrität der meisten Menschen muss hier wie auch in anderen Lebenssituationen vorrausgesetzt werden.) Unsere Aufgabe als Aussenstehende ist also nicht, wissenschaftliche Informationen zu bewerten, sondern zu entscheiden, wem wir in ihrer oder seiner Bewertung und Erklärung vertrauen können bzw. wollen. Das 'kritische Denken' im echten Leben bezieht sich nicht auf die Evaluation von Daten, sondern auf die Evaluation der Glaubwürdigkeit einer Quelle.
Jonathan Osborne und Daniel Pimentel attestieren in ihrem Artikel 'Science education in an age of misinformation' dem heutigen naturwissenschaftliche Unterricht, dass er dieses Ziel verfehlt. Unsere Schüler:innen erwerben ein kleines Bisschen an Wissen und den Fertigkeiten, die eine:n Physiker:in auszeichnen: Sie lernen physikalische Theorien kennen, lösen Rechenaufgaben, führen Experimente durch. Wir bereiten sie im Ansatz darauf vor, selbst irgendwann zu 'Insidern' der entsprechenden Wissenschaft zu werden, auch wenn das für den grössten Teil von ihnen nicht zutrifft. Dieses Insider-Wissen nützt ihnen allerdings nicht viel im Umgang mit der Wissenschaft, die uns im täglichen Leben begegnet. Statt dass wir solche 'randständigen Insider' (org. marginal insiders) produzieren, schlagen Osborne und Pimentel vor, dass der Fokus verschoben werden soll hin zu 'kompetenten Outsidern' (org. competent outsiders), die entscheiden können, ob einer wissenschaftlichen Behauptung vertraut werden soll, ohne selbst das nötige Wissen und die nötige Expertise im entsprechenden Feld zu haben.
Die wichtigste Kompetenz eines 'kompetenten Outsiders' ist zu wissen, welcher Person aus welchem Grund vertraut werden kann. Fähige Outsider sind sich ihres Nicht-Wissens bewusst und verlassen sich auf Personen, die die nötige Expertise für entsprechenden Fragen und Problemen aufweisen. Diese Fähigkeit ist heute wichtiger denn je, da wir durch das Internet täglich mit Falschinformationen konfrontiert werden, die sich nicht selten in ein wissenschaftliches Gewand hüllen bzw. vorgeben, wissenschaftlich abgestützt zu sein. Um diese evaluieren, reicht laut der herkömmliche ‚kritisch Denken‘-Ansatz nicht aus. Stattdessen sollen die Schüler:innen die Position des kompetenten Outsiders verinnerlichen, denn die Überzeugung, die Informationen selbst beurteilen zu können und nicht auf Fachpersonen angewiesen zu sein, macht noch angreifbarer für Täuschungsversuche.
Kompetente Outsider brauchen laut Osborne und Pimentel zum einen Verständnis von Wissenschaft als soziale Praxis: sie müssen verstehen, wie die institutionelle Beschaffenheit der Wisenschaft es ermöglicht, zuverlässige Erkenntnisse zu produzieren. Zweitens brauchen sie konkrete Strategien, um bei Informationen (Website, YouTube-Video....) entscheiden zu können, ob ihnen vertraut werden soll. Im Folgenden möchte ich mich auf den zweiten Aspekt konzentrieren. Bei der Entscheidung, ob einer Information vertraut werden kann, helfen zwei Strategien:
- Um die Vertrauenswürdigkeit einer Website einschätzen zu können, muss evaluiert werden, wer dahinter steckt: Wer/was ist die Quelle? Woher wissen sie, was sie kommunizieren? Und was wollen sie ‚verkaufen‘? Diese Fragen lassen sich nicht beantworten, indem man die Website von oben nach unten liest. Stattdessen muss ein weiteres Tab geöffnet werden, in dem recherchiert wird, was über den/die Autor:in bzw. die veröffentlichende Institution bekannt ist. Statt einem vertikalen Lesen von oben nach unten braucht es also ein Lesen ‚zur Seite hin‘ bzw. ein laterales Lesen der Website.
- Hat man identifiziert, wer hinter einer Website steckt, muss die Expertise dieser Person oder Institution evaluiert werden. Dazu müssen Schüler:innen wissen, wie man echte Expert:innen im jeweiligen Feld erkennt. Dazu ist es nötig, den Lebenslauf der fraglichen Person zu analysieren, um herauszufinden, ob sie oder er in ihrem Feld anerkannt ist. Indikatoren für Expertise sind Passung zwischen Fachgebiet und Informationsinhalt, eine Affiliation mit einer anerkannten Institution, entsprechende Abschlüsse. Gleichzeitig muss hinterfragt werden, ob es Hinweise auf Voreingenommenheit gibt. Besonders wichtig ist hier, dass die Expertise nicht ohne Weiteres von einem Feld auf ein anderes Feld übertragen werden kann: ‚Expert:in‘ ist kein absoluter Status, sondern bezieht sich immer auf ein bestimmtes Gebiet.
Ich bin dabei, ein paar Aktivitäten zu entwickeln, bei denen Schüler:innen diese beiden Strategien in Verbindung mit physikalischen Themen üben können. Diese Aktivitäten kratzen zugegebenermassen erst an der Oberfläche des 'kompetenten Outsider-tums'. Sie erscheinen vielleicht wie eine Übung in Medienkompetenz, tatsächlich entspricht der Ansatz des 'kompetenten Outsiders' für mich jedoch einer grundsätzlichen Haltung: das Bewusstsein, dass das eigene Wissen äusserst begrenzt ist, erfordert bewusstes und reflektiertes Vertrauen in Andere. Dieses 'intellektuelle Vertrauen' lässt sich meiner Meinung nach von der Schule in das 'echte Leben' übertragen und könnte daher eine konkrete Alternative zum unerreichten Ideal des 'kritischen Denkens' sein.