Mündlichkeit im Physikunterricht
Ich bin froh, dass ich an meiner Schule keine Note für die mündliche Mitarbeit oder Unterrichtsbeteiligung setzen muss. Gleichzeitig möchte ich meine Schüler:innen im Unterricht aber auch gezielt zum Sprechen bringen. Sprechanlässe sollen sie zum Einen dazu bringen, sich vertieft mit fachlichen Inhalten auseinanderzusetzen. Gleichzeitig ist die Fähigkeit, präzise, anschaulich und zielpublikumsgerecht zu formulieren, zentral für eine aktive Teilhabe an der Gesellschaft. Daher sollten ALLE Schüler:innen im Unterricht Gelegenheit haben, zu sprechen – nicht nur die Mutigen, Schnelldenkenden und Selbstsichereren, deren Hände nach einer Frage im Plenum freiwillig in die Höhe schnellen. Von breiteren Partizipationsmöglichkeiten profitiert auch die ganze Klasse, denn so kann langfristig eine Gesprächskultur aufgebaut werden, in der gegenseitiges Zuhören und Voneinander-Lernen wichtig sind. Darüber hinaus bleibt mündlicher Austausch etwas zutiefst Menschliches in einer von Technologie geprägten Welt und das Schulzimmer bietet einen Rahmen, um solche Gespräche anzubahnen und anzuleiten.
Im Jahr 2006 erschienen die Ergebnisse der bisher grössten Videostudie zum Physikunterricht. Das IPN hatte hunderte Physikstunden ausgewertet mit dem Ziel, Ablaufmuster im Physikunterricht zu identifizieren. Das Resultat war, dass im Durchschnitt ca. ein Drittel der Unterrichtszeit auf Lehrpersonenvorträge und ein weiteres Drittel auf Unterrichtsgespräche im Klassen-Plenum entfallen. Während etwa 15 % der Unterrichtszeit hatten die Schüler:innen tatsächlich die Möglichkeit, aktiv zu sein.
In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich Unterricht – nicht zuletzt durch die Verfügbarkeit digitaler Geräte – stark verändert. Die Dominanz von Lehrpersonenvorträgen und Klassengesprächen scheint mir aber in vielen Klassenzimmern ungebrochen. Während ich Input-Vorträge durch Lehrpersonen (bewusst und in nicht zu grosser Dosis eingesetzt) für ein sehr wirkmächtiges Unterrichtssetting halte, um Interesse und Klarheit zu schaffen, ist aus meiner Sicht das fragend-entwickelnde Klassengespräch nicht geeignet, um bei mehr als einzelnen Schüler:innen Lernen anzubahnen. Stattdessen braucht es Gesprächsstrategien, die es möglichst vielen Schüler:innen im Unterricht erlauben, ihre Gedanken in Worte zu fassen und sich einzubringen. ‚Think-Pair-Share‘ ist eine häufig genutzte, einfach umzusetzende Methode dafür. Einige weitere habe ich auf dieser Seite zusammengestellt.
In ihrem kürzlich erschienenen Buch ‚Neue Mündlichkeit‘ schlagen Stefan Hofer-Krucker Valderama und Rémy Kauffmann vor, Mündlichkeit systematisch zu fördern und zu bewerten. Dazu entwerfen sie 22 verschiedene Szenarien, die auf mündliche Kommunikation in unterschiedlichen Kontexten und mit unterschiedlichen Herausforderungen abzielen. So sollen alle Schüler:innen sich über das Schuljahr immer wieder in unterschiedlicher Form mündlich ins Unterrichtsgeschehen einbringen und von der Lehrperson und den Mitschüler:innen kriteriengeleitetes Feedback erhalten. In einem Szenario - dem ‚Catch of the Day‘ – erläutert ein:e Schüler:in ein mehr oder weniger fachbezogenes Bild, Video oder Schlagzeile, das ihr kürzlich im Internet begegnet ist. Das Ziel ist, dass die Schüler:innen mit einem für sie bedeutsamen Fundstück den Unterricht bereichern können und dabei lernen, wie sie mit einer kurzen Präsentation eine bestimmte Wirkung erzielen. Diese anvisierte Wirkung muss vorher selbst festgelegt werden und kann von nachdenklich über lehrreich bis zu überraschend oder unterhaltsam reichen. Während der Präsentation achtet die Klasse auf die angestrebte Wirkung und gibt im Anschluss ein kurzes Feedback, ob der gewünschte kommunikative Effekt erzielt wurde.
Szenarien wie dieses finde ich sehr ansprechend, da sie fachbezogene Anforderungen stellen und bestimmte Aspekte von mündlicher Kommunikation ins Zentrum stellen (im Beispiel ‚Catch of the day‘ einen auf eine bestimmte Wirkung zugeschnittenen Präsentationsstil). Gleichzeitig räumen sie den Schüler:innen Freiheiten ein, was für zusätzliche Motivation sorgt. Für ein Zweistundenfach wie Physik stellt sich jedoch die Herausforderung, alle Beiträge im Laufe eines Schuljahres unterzubringen – nach Abzug aller Ferien, Ausfälle, Tage mit Prüfungen und sonstigen ungeeigneten Lektionen bleiben kaum genügend Termine für eine ganze Klasse übrig.
Leichter umzusetzen für mich sind Sprechgelegenheiten, die alle Schüler:innen gleichzeitig aktivieren. Genial finde ich die Idee von Hofer-Krucker Valderama und Kauffmann, das Gesellschaftsspiel ‚TopTen‘ für den Unterricht anzupassen. Das Spiel wird in Gruppen von 5 Personen gespielt. Alle ziehen vor jeder Runde verdeckt ein Kärtchen mit einer Ziffer von 1-10. Dann wird von der Lehrperson eine Aussage oder Frage eingeblendet. Folgendes Beispiel soll den Ablauf illustrieren: „Finde einen Hundenamen zwischen 1 = wenig beeindruckend und 10 = richtig furchterregend“. Alle müssen nun entsprechend der gezogenen Ziffer eine Antwort auf einen Zettel notieren, z.B. ‚Bello‘ für eine 4 oder ‚Frankenstein‘ für eine 9. Reihum übernimmt eine der fünf Personen die Spielleitung und muss die Antwortzettel in die richtige Reihenfolge mit aufsteigenden Ziffern bringen, ohne zu wissen, welche Person welche Ziffer gezogen hat. Der eigentliche Sprechanlass folgt nach der Auflösung der gezogenen Ziffern: es muss nun dargelegt werden, nach welchen Kriterien die Reihenfolge entschieden wurde und mit den Kriterien der anderen abgeglichen werden. Der spielerische Zugang lädt also zu einer vertieften mündlichen Auseinandersetzung über fachliches Wissen ein. Zu den drei Lehrplanthemen Kinematik/Dynamik, Energie und Schwingungen/Wellen habe ich jeweils fünf 'TopTen'-Aussagen formuliert und in einer PPT-Datei zusammengestellt:
Eine weitere Methode, die ich in Zukunft vermehrt einsetzen möchte, ist das ‚Sokratische Seminar‘. Das ist eine Diskussionsrunde mit einem Teil der Klasse oder mit der ganzen Klasse, in der nicht die Lehrperson das Gespräch führt, sondern in der die Schüler:innen miteinander diskutieren. Sokratische Seminare drehen sich um grosse, offene Fragen, die sich nicht abschliessend beantworten lassen. Das Ziel ist, dass die Schüler:innen besser darin werden, einander zuzuhören, sich auf andere Ideen/Gedanken/Meinungen einzulassen lernen und zu argumentieren. Die Rolle der Lehrperson besteht vor Allem darin, auf Inhalts- und auf Klassenführungsebene die Weichen für eine gute Diskussion zu stellen.
Zu Beginn eines Sokratischen Seminars sollten ganz klar die Regeln kommuniziert werden: Am Wichtigsten ist ein respektvoller Umgang miteinander, dazu gehört auch, dass keine Privatgespräche geführt werden und die Beiträge von anderen wertgeschätzt werden. Desweiteren müssen Argumente immer mit Fakten untermauert werden. Als Ausgangspunkte für die eigentliche Diskussion wird ein Video oder Experiment gezeigt oder die Schüler:innen lesen einen kurzen Text. Die Lehrperson stösst dann durch ausgewählte Fragen die eigentliche Diskussion an. Es könnte beispielsweise darum gehen, was die Intention des Texts/Videos ist, mit welchen Fakten argumentiert wird, was als verwirrend empfunden wird, welche Relevanz dem Text beigemessen wird. Anschliessend erhalten alle 3-5 Minuten Zeit, um über die Frage(n) und mögliche Antworten nachzudenken. Dann wird diskutiert.
Wichtig ist, dass die Lehrperson Moderator:in ist und daher in ihren verbalen und nonverbalen Reaktionen auf die Beiträge der Schüler neutral bleibt und nicht Aussagen bestätigt etc. Die Schüler:innen sollen durch die Interaktion miteinander zu Erkenntnissen gelangen und nicht durch die Lehrperson. Gerät die Diskussion aus dem Ruder oder ins Stocken, können weitere Fragen eingeworfen werden. Auch zwischendurch können immer mal wieder kurze ‚Denkpausen‘ eingeschoben werden. Abschliessend sollen die Schüler:innen individuell kurz zusammenfassen, ob sie noch offene Fragen haben und was sie inhaltlich als Wichtigstes mitgenommen haben. Auch eine kurze Reflexion auf der Meta-Ebene bietet sich an, um das Potential der Methode voll auszuschöpfen: in einem Think-Pair-Share kann beispielsweise besprochen werden, wie der Prozess des Sokratischen Seminars erlebt wurde und wie er noch verbessert werden könnte. Zu Beginn ist dieses Format sicher ungewohnt für die Schüler:innen, besonders in naturwissenschaftlichen Fächern, wo überlicherweise nicht viel diskutiert wird und die Lehrperson normalerweise die Rolle als Expert:in übernimmt. Daher würde ich die ersten sokratischen Seminare in einer Halb- oder sogar Viertelklasse durchführen, während der Rest der Klasse an einem Auftrag oder an Übungsaufgaben arbeitet.
Meine Hoffnung ist, dass der gezielte Einsatz mündlicher Methoden und Gesprächsformate nicht nur zur vertieften Auseinandersetzung mit fachlichen Inhalten führt, sondern auch dazu beiträgt, dass der zwischenmenschliche Dialog in einer hochtechnisierten Welt als wertvoll und erhaltenswert erfahren wird.