Projektarbeiten in Zeiten von KI

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Projektarbeiten sind etwas Wunderbares: selten habe ich so viel gelernt über meine Schüler:innen, über ihre Interessen und Talente und auch über Physik an sich. Viele Projekte – die Endprodukte als auch die Schwierigkeiten und Erfolgserlebnisse auf dem Weg dorthin – sind mir auch Jahre später noch in Erinnerung. Auch die Schüler:innen erinnen sich oft noch lange daran: sie konnten sich über Wochen in ein zumindest teilweise selbstgewähltes Thema vertiefen, sie haben sich exponiert und etwas gewagt und am Ende erlebten sie häufig ein Gefühl von Stolz darüber, dass sich der Aufwand, das Dranbleiben, das Risiko gelohnt haben.

Das Aufkommen von KI-Tools hat Projektarbeiten jedoch nachhaltig verändert. Natürlich konnten Schüler:innen schon immer Hilfe holen und natürlich waren solche mit Connections zu hilfsbereiten Freundinnen und Freunden, kenntnisreichen Eltern oder kreativen Verwandten im Vorteil gegenüber jenen, die alles alleine machen wollten oder mussten. KI-Tools waren nun aber in der Lage, auf Knopfdruck Projektideen zu produzieren, die Wissensbasis zur Verfügung zu stellen und beim Erstellen des Endprodukts behilflich zu sein. Da bei Projektarbeiten im Gegensatz zu Klassenarbeiten der Prozess kaum reguliert werden kann, besteht die Gefahr, dass KI-Tools das eigene Denken ersetzen und 'Skill Skipping' dafür sorgt, dass die intendierten Lernziele nicht erreicht werden. Für mich stellte sich nun die Frage, wie ich die so lieb gewonnene Unterrichtsform der Projektarbeit 'retten' konnte, so dass sie weiterhin eine wertvolle Lerngelegenheit für die Schüler:innen bleiben würde. Wie muss ich Projektaufträge und Lernprozesse im Kontext von KI gestalten, damit die Schüler:innen einen Wert in der Aufgabe erkennen und sich darauf einlassen wollen und nicht mit minimaler Eigenleitstung und 'Skill Skipping' zu einem passablen Ergebnis kommen können?

Während der Hype um die verschiedenen KI-Tools ein wenig abgeklungen ist, finden sich immer mehr durchdachte Vorschläge dazu, Arbeitsaufträge und Lernprozesse in der Schule im Kontext von KI-Einsatz zu denken und den Schüler:innen so zu einem differenzierten und reflektierten Umgang mit diesen Tools zu verhelfen. Das Lernen lässt sich so laut Joscha Falk und Manuel Flick in Lernen ohne KI (KI-limitierend), trotz KI (KI-reflektierend), über KI (KI-thematisierend) und mit KI (KI-integrierend) auffächern. Eine genauere Beschreibung dieser Aufgabenkategorien findet sich hier.

Für Projektarbeiten im Physikunterricht sind für mich vor allem die beiden Kategorien 'KI-integrierend' und 'KI-limitierend' relevant. Auf der einen Seite möchte ich, dass die Schüler:innen lernen, KI so einzusetzen, dass ihr eigenes Denken verbessert, geschärft, erweitert, aber nicht ersetzt wird. Mensch und Maschine sollen in einer Art Ko-Kreativität zusammenarbeiten. Diese Zusammenarbeit zwischen Jugendlichen und KI ist jedoch in den wenigsten Fällen automatisch produktiv – strukturierte Arbeitsanweisungen bzw. Prompts können hier helfen. Die Bildungsforscherin Nele Hirsch hat einige Ideen zur Förderung von Ko-Kreativität zusammengetragen, eine Umsetzung für meinen Physikunterricht findet sich hier.

Gleichzeitig möchte ich in den Projektarbeiten dem genuin Menschlichen – jenen Fähigkeiten, die eine Maschine nie übernehmen können wird – mehr Raum geben. Ein Teil der Aufgabenstellung ist daher KI-limitierend und kann so nicht von einer KI gelöst werden. Die für mich zentrale menschliche Fähigkeit in diesem Kontext ist Empathie. Während viele kognitive Prozesse von einer Maschine übernommen werden können, ist das Verstehen von Perspektiven, Motiven, Werten und Bedürfnissen anderer Menschen nicht automatisierbar. Unsere Schüler:innen sollen als mündige Bürger:innen in der Lage sein, die Welt verantwortungsvoll mitzugestalten – um dies zu erreichen, müssen sie in der Schule empathisches Denken in möglichst vielen verschiedenen Kontexten erfahren und üben. Mit diesem Anliegen wird z.B. in einer Erweiterung des 4K-Modells (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken) Empathie als 'emotionale Kompetenz' und damit fünftes K eingeführt.

Beim ersten 'Empathie'-Projekt haben meine Schüler:innen in Kleingruppen eine Unterrichtslektion für eine Sekundarschulklasse geplant und durchgeführt, beim zweiten Projekt wurde ein Phänomen aus der Wellenlehre für eine blinde Person 'erfahrbar und verstehbar' gemacht. Bei beiden Projektarbeiten kreiste der Prozess ständig um die Fragen "Was brauchen die anderen Personen, um zu lernen oder zu verstehen?" und "Was können wir tun, um sie dabei zu unterstützen?". Beide Projekte sind vom Ablauf her vom Unterrichtsframework des Design Thinking inspiriert. Ein zentraler Aspekt bei diesem Ansatz ist authentisches Problem von 'realen' Menschen, für die die Schüler:innen eine Lösung erarbeiten. Bei den beiden Projekten habe ich die Verwendung von KI explizit erlaubt und angeleitet – nicht um in kurzer Zeit ein Produkt zu erstellen, sondern um den Lernprozess zu unterstützen. Indem nicht vorgegebene Produktanforderungen abgehakt werden mussten, sollte während des Projekts genug Platz bleiben für das Reflektieren des eigenen Lernens und das Ausloten der Möglichkeiten, anderen Menschen beim Lernen behilflich zu sein. Hier finden sich die Arbeitsaufträge für die beiden Projekte. Mehr Informationen stelle ich bei Interesse gerne zur Verfügung.

Im Rückblick auf die Projekte bemerkten die Schüler:innen selbst, dass Empathie zwar eine zentrale Voraussetzung war, dass es aber immer auch Interaktion mit den 'realen' Menschen bzw. deren Rückmeldung braucht: Was hat für sie funktioniert? Was würde ihnen noch mehr helfen? Was bräuchten sie ausserdem noch? Die Stärke solcher Projekte liegt für mich darin, dass es nicht mehr darum geht, einen möglichst schnellen Weg zu einem vorgegebenen Produkt zu finden, sondern darum, den eigenen Standpunkt, das eigene Wissen und Können im Hinblick auf die Bedürfnisse anderer Menschen zu reflektieren – also Empathie im physikalischen Kontext zu schulen. Die Schüler:innen konnten dabei selbst erfahren, wo in diesem Prozess KI behilflich sein kann und wo ihre genuin menschlichen Fähigkeiten gefragt sind, um mit der Welt zu interagieren.

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