Orientierungswissen: Wie physikalisches Wissen für Schüler:innen relevanter wird
Über zahlreiche YouTube- und TikTok-Kanäle erhalten Schüler:innen Zugang zu aktuellen und spannenden naturwissenschaftlichen Inhalten, teilweise sehr fundiert und gut aufbereitet. Themen wie Anfang und Ende vom Universum, Quantenspuk und Materialien, die einen Gegenstand ‚unsichtbar‘ werden lassen, wecken das Interesse vieler Jugendlicher, weil sie spektakulär und erstaunlich sind und oftmals auch mit der eigenen Rolle in der Welt zu tun haben. Dem gegenüber begnügt sich der Physikunterricht über weite Strecken mit Phänomenen und Berechnungen, die nur wenig Begeisterung wecken können: sie sind weder spektakulär noch haben sie mit der eigenen Rolle in der Welt zu tun.
Die Diskrepanz zwischen dem, was ausserhalb der Schule als interessante und relevante Physik dargestellt wird und dem Physikunterricht wird also immer grösser. Da ist es wenig überraschend, dass viele Schüler:innen den Inhalten des Physikunterrichts wenig Relevanz zuschreiben. Aus meiner Sicht ist das sehr schade, denn Schüler:innen interessieren sich durchaus für physikalische Inhalte und an diesen Inhalten lassen sich durchaus Dinge lernen, die Schüler:innen als relevant für die eigene Zukunft und das eigene Leben empfinden. Um dieses Relevanz sichtbar zu machen, sollten wir uns meiner Meinung nach im Physikunterricht konsequent die Frage stellen, welche zukunftsrelevanten Dinge sich jeweils AN den fachlichen Inhalten lernen lassen.
Der Physikdidaktiker Heinz Muckenfuss unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen ‚Verfügungswissen‘ und ‚Orientierungswissen‘ (Lernen in singstiftenden Kontexten. Entwurf einer zeitgemässen Didaktik des Physikunterrichts, 1995). Während das Verfügungswissen aus fachlichem ‚Werkzeugen‘ besteht, mit dem sich physikalische Probleme lösen lassen, ermöglicht das ‚Orientierungswissen’ Orientierung in der Welt. Das Verfügungswissen ist für die eigene Zukunft also nur relevant, wenn ich später dieses Verfügungswissen brauche (also Physik, eine andere Naturwissenschaft oder Ingenieurswesen studiere). Das Orientierungswissen hingegen vergrössert die eigenen Handlungsmöglichkeiten in der ‚echten Welt’. Im Unterricht sollten laut Muckenfuss physikalische Inhalte die Basis bzw. die Kristallisationspunkte für bestimmtes Orientierungswissen bilden. Das so erworbene Orientierungswissen erlaubt es den Schüler:innen im Anschluss - unabhängig von den eigenen Interessen oder Studienwünschen - , sich mit ihrer Rolle in der Welt auseinanderzusetzen und in ihr zu handeln. (Muckenfuss‘ ‚Wissen‘ schliesst immer auch ‚Können‘ mit ein - heute würde man also eher von ‚Orientierungskompetenzen‘ sprechen.) Orientierungswissen wird von Schüler:innen automatisch als relevant empfunden, für Muckenfuss definiert es sogar ‚sinnstiftende Kontexte‘ beim Physiklernen.
Bei Muckenfuss zielt das Orientierungswissen häufig auf grosse erkenntnistheoretische Fragen, die Konstruktion und Veränderung von Weltbildern oder die Arbeitsweise der Naturwissenschaften ab. So schlägt er beispielsweise vor, das Thema der Strahlenoptik an Tageszeiten, Mondphasen und Finsternisse anzuknüpfen. Der Fachinhalt ‚Lichtausbreitung‘ kristallisiert sich so am Orientierungswissen ‚Unser Platz im Universum‘. Für mich bietet der Begriff des ‚Orientierungswissens‘ eine sehr greifbare Möglichkeit, über den Tellerrand des jeweiligen Fachinhalts hinauszublicken und mir die Frage zu stellen: „Was lässt sich an diesem fachlichen Inhalt lernen bzw. welches Orientierungswissen lässt sich durch diesen Inhalt erwerben?“ Mit Orientierungswissen angereichert kann der Physikunterricht so auch für diejenigen Schüler:innen relevanter werden, die in ihrer Zukunft nicht viel mit Physik zu tun haben möchten.
Für viele Fachinhalte lässt sich vermutlich nicht so leicht ein passendes Orientierungswissen aus dem Bereich der Erkenntnistheorie finden. Aus meiner Sicht lässt sich das Konzept des Orientierungswissens aber sehr gewinnbringend erweitern auf die Kommunikationsfähigkeit, also die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zielpublikumsgerecht zu kommunizieren. Hier findet sich ein Link für einen Auftrag zu kommunikativem Orientierungswissen für eine 5. Klasse Grundlagenfach zum Thema ‚elektromagnetische Induktion‘. Den Rahmen bilden Exponate zu diesem Thema im Technorama, die die Schüler:innen im Rahmen einer Exkursion studierten. Zusätzlich hatten die Schüler:innen 4 Doppellektionen zur Vor- und Nachbereitung Verfügung. Der Auftrag an die Schüler:innen bestand darin, aufbauend auf ihrem Grundwissen zur Induktion ein von ihnen ausgewähltes Exponat zu verstehen und anschliessend ihr Verständnis zielpublikumsgerecht als ‚Ausstellungs-Guide‘ zu kommunizieren. Das Medium konnte dabei frei gewählt werden, solange Text und Bild kombiniert wurden. In einer Klasse gab es so beispielsweise ein Faltblatt mit einer selbstgezeichneten Bildfolge, zwei Flyer mit verlinkten, selbst erstellten Animationen und ein TikTok-style-Video mit eingeschobener Erklärung an der Wandtafel. Der für mich grösste Gewinn lag darin, dass ein Grossteil der Klasse rückblickend kommentierte, dass sie sich sehr viele Gedanken darüber gemacht hatten, was eine gute Erklärung braucht und wie sie verschiedene Medien möglichst gewinnbringend miteinander kombinieren können. Laut ihren eigenen Aussagen sehen sie diese Fertigkeiten als relevant für ihr Leben an - unabhängig davon, welches Betätigungsfeld sie in Zukunft anstreben. Der Fokus auf diese Fertigkeiten, die die Handlungsmöglichkeiten der Schüler:innen in der Welt vergrössern, gab auch dem erlernten Verfügungswissen sowie der Beschäftigung mit Physik im Allgemeinen eine grösseren Relevanz.
Ich glaube, dass wir Physiklehrpersonen bei der Unterrichtsplanung nicht mehr nur das Verfügungswissen im Blick haben sollten, dessen Relevanz für die meisten Schüler:innen gerade bis zur nächsten Prüfung reicht, sondern uns mehr Gedanken über mögliches Orientierungswissen machen sollten. Im Unterricht sollten wir klar kommunizieren, dass es nicht nur um Kräfte, Energieerhaltung und elektromagnetische Induktion geht, sondern dass dieses Fachwissen auch dazu dient, DARAN Dinge zu lernen, die Orientierung und Handlungsmöglichkeiten in der Welt bringen.