Warum Skripte nicht die beste Wahl sind

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Werde ich von Studierenden in der Fachdidaktik oder von neuen Kolleg:innen an der Schule darum gebeten, mein ‚Skript‘ mit ihnen zu teilen, muss ich sie jeweils enttäuschen: Ein Skript im gewünschten Sinne habe ich nicht. Ich habe Ablaufpläne für Lektionen, verschiedenste Arbeitsblätter, PPT-Slides mit Arbeitsaufträgen - aber kein fortlaufend nummeriertes PDF, das sich in analoger oder digitaler Form an die Schüler:innen verteilen lässt und den Inhalt meines Unterrichts abbildet.

Ich habe mich bewusst gegen ein solches Skript entschieden, denn wenn der Physikunterricht möglichst viele Schüler:innen zur aktiven Auseinandersetzung ermuntern und sie beim nachhaltigen Verständnis und zunehmener Selbstständigkeit unterstützen soll, wenn er die Gedanken, Ideen und Beiträge der Schüler:innen ernst nehmen möchte und ihnen erlauben will, sich auf die Unterrichtsinhalte zu konzentrieren – dann ist ein Unterrichtsskript meiner Meinung nach nicht die beste Wahl.

Unter einem Skript im Physikunterricht (wie auch in anderen MINT-Fächern) wird üblichweise ein in sich geschlossenes Dokument verstanden, das die Lehrperson in der Regel selbst erstellt hat und das sich sehr eng auf den eigenen Unterricht bezieht. Skripte zeichnen sich oft durch sehr grosse Konsistenz und einen durchdachten inhaltlichen Aufbau aus. Häufig kombinieren sie Theorie und Übungen, teilweise enthalten sie auch Lückentexte oder Erarbeitungsaufgaben und/oder Platz für Ergänzungen und Notizen. Nicht selten ist eine Lehrpersonen-Version des Skripts (mit zusätzlichen Informationen wie Lösungen, vorformulierten Merksätzen etc.) gleichbedeutend mit dem Ablaufplan für die Lektionen. Meistens ist sehr viel Arbeit in die Erstellung eines persönlichen Skripts geflossen, es wurde über die Jahre angepasst und optimiert. Der Vorteil eines persönlichen Skripts gegenüber einem Schulbuch liegt nicht zuletzt darin, dass die Lehrperson Stoffmenge, Anspruchsniveau, Notation etc. präzise auf den eigenen Unterricht anpassen kann.

Nichtsdestotrotz gibt es aus meiner Sicht vier Punkte, die gegen den Einsatz eines Skripts im Schulunterricht sprechen:

  1. Skripte geben den Schüler:innen das Gefühl einer ‚Vollversorgung‘ und entwerten so den Unterricht
  2. Skripte nehmen die Ergebnisse der Lektionen vorweg und entwerten so die Beiträge der Schüler:innen
  3. Skripte präsentieren fertige Informationen und erschweren so das Denken und Verstehen
  4. (digitale) Skripte begünstigen den undifferenzierten Einsatz von Laptops und beeinträchtigen so das Konzentrationsvermögen

zu 1. Ein Unterichtsskript vermittelt den Schüler:innen das Gefühl einer ‚Vollversorgung‘ (Frank Dulisch, 'Der Einsatz von Skripten an Fachhochschulen für öffentliche Verwaltung', 1995): alles Wesentliche steht im Skript, warum soll ich dann noch mitdenken, aufpassen oder gar anwesend sein? Ich kann mir ja ohnehin alles zuhause durchlesen. Aus meiner Sicht entwertet ein Skript so, was im Unterricht passiert.

zu 2. Ein Skript ist schon geschrieben, bevor die Lektion begonnen hat – der Ausgang der Lektion bzw. ihrer Teile steht also schon fest. Es gibt wenig bis keine Möglichkeiten, das Geschriebene anzupassen – egal welche Gedanken, Ideen und Fragen aus der Klasse kommen. Den Schüler:innen vermittelt dieses Vorgehen, dass ihre Beiträge zweitrangig sind, das ‚wirklich Wichtige‘ stand ja schon vorher fest und ihre Arbeit beschränkt sich aufs Nachvollziehen. Skripte stellen häufig nicht nur eine Resource für den Unterricht dar, sondern übernehmen die Rolle eines Ablaufplans.

zu 3. Die Klarheit, Übersichtlichkeit und Konsistenz von Skripten sorgt dafür, das Informationen leicht aufgenommen werden können. Viele Studien aus der neuen Lernforschung zeigen, dass genau das Gegenteil - nämlich Unklarheit und Verwirrung - dabei hilft, über simple Informationsaufnahme hinaus Verständnis anzuregen (z.B. Henning Beck, Das neue Lernen heisst Verstehen, 2020). Wollen wir im Unterricht Verständnis erreichen, dann sollte Wissen nicht leicht konsumierbar aufbereitet sein, sondern anhand von Problemen erarbeitet werden müssen.

zu 4. Dank BYOD müssen Skripte heute nicht mehr ausgedruckt werden, sondern können direkt an die Geräte der Schüler:innen verteilt werden. Die Konsequenz ist dann allerdings sehr häufig, dass die Geräte während der gesamten Unterrichtszeit aufgeklappt sind. Selbst wenn Schüler:innen nicht aktiv nach Ablenkungen suchen, scannen sie ständig unbewusst andere Kanäle, um dort nichts zu verpassen. Das Resultat ist ein Zustand ständiger Teilaufmerksamkeit (Continuous partial attention), der echte Konzentration verhindert.

Doch was ist die Alternative? Wie lässt sich Physikunterricht ohne Skript gestalten?

Im Folgenden möchte ich eine effektive und leicht umzusetzende Alternative vorstellen, die stark inspiriert ist von der Idee des Thinking Classroom. Der grobe Ablauf ist immer gleich und gliedert sich in folgende 3 bis 4 Schritte:

  1. Einstieg: Ich präsentiere knapp den Auftrag/ das Problem mit Hilfe einer oder mehrerer PPT-Folien. Es kann sich um eine konzeptuelle Frage handeln, die in einem Satz beantwortbar ist, um eine 'Lernaufgabe' in der eine neue Formel hergeleitet werden soll oder um den Aufhänger für ein Praktikumsexperiment etc.
  2. Erarbeitung: Die Schüler:innen denken nach, diskutieren, arbeiten in Gruppen, u.U. mit Hilfe von (analogem) Material. Alle müssen Verantwortung für die Lösung übernehmen, entweder indem sie sich bei einer Abstimmung im Raum positionieren oder indem sie bereit sind, die Ergebnisse ihrer Gruppe zu präsentieren.
  3. Sicherung: Die Schüler:innen machen sich individuell Notizen, die ihre Erkenntnisse rekapitulieren und festhalten. Dazu nutze ich üblicherweise eine vorstrukturierte OneNote-Seite.
  4. ggf. Festigung/Anwendung: Übungsaufgaben können wenn nötig dazu dienen dazu, neue Erkenntnisse zu festigen und anzuwenden.

Konzeptuelle Fragen aus Schulbüchern oder dem eigenen Skript lassen sich so recht einfach 'umformatieren' zu einer Aufgabe, bei der das Denken und die Mitarbeit aller während der Unterrichtszeit gefragt ist.

Hier ein Beispiel zum Thema 'Energieerhaltung': Die Klasse kennt bereits das Konzept der Energieerhaltung, hat bisher aber nur einfache Fälle betrachtet. Ich zeige ihnen ein aufgebautes Pendel – alle finden es logisch, dass es links und rechts gleich hoch schwingt. Nun folgt folgende Frage zum 'Hemmpendel', wobei der rote Punkt die 'Hemmung' markiert:

Die Schüler:innen sollen sich entsprechend ihrer Vorhersage so im Raum positieren (links stehen für höher, in der Mitte stehen für gleich hoch, rechts für weniger hoch). Wenn alle sich entschieden haben (das zeigen sie, indem sie ihre Arme verschränken), frage ich einzelne Personen, warum sie stehen wo sie stehen bzw. wie sie Leute, die anderswo stehen, von ihrem 'Standpunkt' überzeugen würden. Nachdem wir verschiedene Stimmen gehört haben, können sich alle nochmal neu aufstellen und ich zeige das Experiment vor. Danach frage ich nach Erklärungen, nach Gründen warum man die falsche Vorhersage geben könnte, nach Schwierigkeiten beim Verständnis und weiteren Gedanken.

Abschliessend gebe ich den Schüler:innen Zeit, sich individuell ein paar Sätze zu notieren, so dass 'ihr vergessliches Ich in drei Wochen' gut nachvollziehen kann, was sie gerade gelernt haben. Folgende Fragen sollen ihnen dabei helfen:

  • Wie ist ein Hemmpendel aufgebaut?
  • Was ist das Interessante am Hemmpendel und wie lässt sich der Ausgang vom Experiment erklären?
  • Was könnte man falsch verstehen oder welchen Denkfehler könnte man machen?
  • Was ist für Dich der wichtigste Aspekt von diesem Experiment?

Selbstverständlich können die Schüler:innen ihre Notizen miteinander oder mit mir diskutieren. Hier kommt der Laptop zum Einsatz, in meinen Klassen verwenden die meisten Schüler:innen OneNote für ihre Notizen, aber sie könnten auch etwas anderes verwenden. Zu Beginn sind die Schüler:innen oft nicht sehr begeistert von diesem Format der Notizen – sie hätten lieber die Sicherheit einer von mir formulierte, 'korrekte' Antwort. Ich erkläre ihnen immer wieder den Sinn dieser Methode und es stellt sich bei den meisten bald eine gewisse Sicherheit im Bezug auf den Wert der eigenen Notizen ein. Natürlich besteht die Gefahr, dass Dinge aufgeschrieben werden, die nicht ganz korrekt sind. Da Lernen aber nicht nach dem 'Nürnberger Trichter' funktioniert, können wir sowieso nie sicherstellen, dass die Inhalte so in den Köpfen der Schüler:innen ankommen, wie wir sie aufschreiben oder sagen.

Dieser dreischrittige Ablauf (Auftrag/Problem auf Slide, Arbeit an der Lösung ohne Rezept zum Vorgehen, eigene Notizen als Ergebnissicherung) lässt sich auch bei längeren Sequenzen einsetzen. Hier zwei Beispiele zum Runterladen: die Herleitung der Abbildungsgleichung bei der Lochkamera (Dauer ca. 1 Lektion) und ein Experiment zum Newtonschen Abkühlungsgesetz (Dauer ca. 2 Lektionen).

Dieses Vorgehen ist aus meiner Sicht der Arbeit mit einem Skript überlegen, wenn es im Unterricht darum gehen soll, Schüler:innen zum Verstehen und zur Eigenständigkeit zu führen. Im Zentrum steht dann nicht das Nachvollziehen eines bereits aufgeschriebenen Gedankengangs, sondern die aktive und vertiefte Auseinandesetzung mit einer aufgeworfenen Frage. Die Schüler:innen suchen nicht im Skript nach der Frage, sondern sie wird ihnen deutlich sichtbar vorne projeziert. Alle Schüler:innen sind aufgefordert mitzudenken, sie können sich auf die Aufgabe konzentrieren, weil Ablenkungen reduziert werden. Alle Ideen, Gedanken, Einwände sind in der Diskussion relevant – nicht nur die von den schnellsten und aufstreck-willigsten Personen. Die Tatsache, dass keine vorverfassten Texte existieren, unterstreicht die Wichtigkeit des eigenen Denkens sowohl für den Prozess des Verstehens als auch bei dessen Fixierung in schriflicher Form.

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